„Eine Oberfläche, die über lange Zeit gewachsen ist, ist etwas Besonderes, das man nicht verderben darf“

„Eine Oberfläche, die über lange Zeit gewachsen ist, ist etwas Besonderes, das man nicht verderben darf“

Wächtersbach (ea). Im gut besetzten Gartensaal der Rentkammer hielt der Möbel-Restaurator und Kunsthändler Otto von Mitzlaff beim Februar-Stammtisch des Altstadtfördervereins Wächtersbach einen spannenden Vortrag zum Thema „Neu und sauber – alte Häuser in der Beauty-Farm“. Immer wieder tauchte dabei der Begriff „Patina“ auf. Die mache oft das Einzigartige bei alten Gegenständen, ob Möbel, Gebrauchsgegenstände, Kunst oder alte Häuser.

„Neu“, sagte von Mitzlaff, sei ja heutzutage ein Zauberwort. Die Allgemeinheit sehe darin etwas Positives. So sei ein neues Haus ein Wunsch vieler Menschen, darin müsse auch alles klinisch sauber sein. „Alt“ dagegen sei negativ belegt, was zu dem Verlangen führe, alte Häuser von ihrem alten Aussehen zu befreien und neu aussehen zu lassen. Der Referent nannte als Beispiel Frankfurts „neue Altstadt“, die für 200 Millionen Euro zwischen Dom und Römer gebaut worden sei. „Ich habe da das Gefühl, da ist etwas falsch, da herrscht keine echte Atmosphäre“, sagte von Mitzlaff dazu. Aber auch viele echte Altstädte in Deutschland sähen so aus, obwohl sie tatsächlich alt seien. Dies führte er unter anderem darauf zurück, dass filigran gearbeitete Fassadenoberflächen durch plakatives Überstreichen oftmals ihren materialtypischen Charakter verlieren. Er zeigte anhand von Fotos Beispiele aus italienischen Städten, wie alte Gebäude und Mauern aussehen können.

Er selbst wohne seit 40 Jahren im Prinzessinnenhaus am Wächtersbacher Schloss. Er habe einiges am Haus gemacht, aber nichts von der alten Substanz verdorben. Oft höre er Kritik. Am Prinzessinnenhaus müsse man etwas machen – aber andererseits ließen sich oft Brautpaare davor fotografieren. Bevor er mit seiner Familie einzog, habe es viele Jahre leer gestanden.

Von Mitzlaff kam dann oft auf den Begriff „Patina“ zu sprechen. Die Römer hätten dieses Wort für die eingebrannte Schicht auf Eisenpfannen verwendet. Diese Patina auf Oberflächen habe einen emotionalen Wert, „das Objekt kann dadurch einen besonderen Reiz erlangen – oder das Gegenteil“. Schon Leonardo da Vinci und nach ihm weitere Künstler hätten diese Qualität der Patina hervorgehoben. Am Beispiel eines von ihm restaurierten Empire-Stuhles veranschaulichte er, was er damit meinte und betonte: „Eine Oberfläche, die über lange Zeit gewachsen ist, ist etwas Besonderes, das man nicht verderben darf. Man zerstört die Geschichte des Gegenstandes, wenn man sie entfernt, und seine besondere Schönheit.“ Das sei eben der Unterschied zwischen „restaurieren“, also alte Substanz erhalten, und „renovieren“, also alte Substanz neu machen. Dabei sei es sicher schwer, Geschmack zu definieren, das ästhetische Empfinden sei subjektiv.

Der Referent zeigte alte Fotos vom Schloss und von der Rentkammer, auf denen beide stets von Efeu und Wein bewachsen waren. Auch sie hätten am Prinzessinnenhaus neues Efeu gepflanzt. Das Wächtersbacher Schloss in seinem jetzigen restaurierten Zustand präsentiert sich ohne Bewuchs. Dennoch fand es das Lob von Otto von Mitzlaff: „Das ist gut gemacht, da hat sich jemand Gedanken gemacht.“ Die Stadt, die Architekten und Handwerker hätten da „eine fantastische Lösung“ gefunden, auch mit dem Verputz, der bewusst nicht ganz gleichmäßig aufgetragen worden sei und wolkig wirke. Mit der Zeit, da ist sich von Mitzlaff sicher, werde auch das Wächtersbacher Schloss wieder eine Patina bekommen.

Der Experte kam auf das Prinzessinnenhaus zurück. Als sie es kauften, habe darin zuletzt der Deutsche Entwicklungsdienst gewohnt. Es habe darin nur eine Toilette sowie keine Bäder und keine Küche gegeben. Ein Teil der 38 Fenster sei zugemauert gewesen. An den Wänden befanden sich mehrere Lagen Tapeten, die letzte Schicht aus Raufaser sei bunt gemalt gewesen. All das hätten sie behutsam in einen früheren Zustand zurückgeführt. Besondere Obejekte in dem Haus seien drei Originaltüren des „bedeutendsten deutschen Kunstschreiners“ Abraham Röntgen und eine original Herrnhuter Treppe. Bei allen Maßnahmen zur Restaurierung habe der Grundsatz gegolten „Weniger ist mehr“. Und auch der Efeubewuchs übe einen besonderen Reiz aus. Der schütze das Haus, Regen komme nicht an die Wände, er biete Nahrung und Unterschlupf für Vögel und Insekten und trage zu einer positiven CO²-Bilanz bei. In manchen Städten würden Fassadenbegrünungen an Gebäuden sogar staatlich bezuschusst werden. Einmal im Jahr müsse das Efeu jedoch zurückgeschnitten werden. „Das Prinzessinnenhaus hat eine Atmosphäre, die in Wächtersbach selten ist“, schloss von Mitzlaff seinen Vortrag. Aus dem Publikum kamen noch einige Fragen, auch führte zur Diskussionen, ob Gründerzeithäuser einen als zeitgemäß empfundenen Anstrich und ein nicht historisches Dach bekommen sollten. Auch die jüngste Renovierung des Ratskellers am Wächtersbacher Bahnhof wurde vor diesem Hintergrund kontrovers diskutiert.

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