Schnell zusammen gefasst – und Dank KI nicht ganz perfekt
- in der Konzerthalle in Bad Orb mitreißen von der Kombination aus Gesagt und Gedacht – dargeboten in realen (Verlegenheits-)Gesprächen und dann wieder bei Selbstgesprächen oder mit Hilfe der Technik des „Beiseitesprechens“.
- taucht in dem Stück, das im Januar 2016 im Pariser Théatre de Paris seine Uraufführung hatte und 2017 mit dem Globe Crystal in der Kategorie Bestes Stück nominiert wurde, nicht in persona auf.
Gesellschaftskomödie „Die Kehrseite der Medaille“ begeisterte 500 Gäste in der Bad Orber Konzerthalle / Text und Bild: Andrea Euler.
Bad Orb (ae). Fünf Szenen, zwei Dekorationen, vier Charaktertypen, zwei Ebenen: Die französische Gesellschaftskomödie „Die Kehrseite der Medaille“ begeistert mit einer gelungenen schauspielerischen Leistung, der Betrachtung von Beziehungskonflikten auf einer eher oberflächlichen äußeren, dafür aber umso spannenderen inneren Ebene, mit Humor, aber auch Gesellschaftskritik. Verpackt hat all dies der französische Schriftsteller und Regisseur Florian Zeller, oscarprämiert und mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet.
500 Gäste lassen sich am zurückliegenden Freitag …
… in der Konzerthalle in Bad Orb mitreißen von der Kombination aus Gesagt und Gedacht – dargeboten in realen (Verlegenheits-)Gesprächen und dann wieder bei Selbstgesprächen oder mit Hilfe der Technik des „Beiseitesprechens“.
Letztere erinnert ein Stück weit an einen „Stopptanz“: Eine der vier in diesem Stück auftretenden Personen sagt etwas, was die anderen Figuren nicht mitbekommen – wohl aber das Publikum. Das zum Teil direkt adressiert, zum Teil schlicht in die Gedankenwelt des Protagonisten entführt wird. Die übrigen Schauspieler erstarren in genau dem Moment, in dem der aus der Szene Heraustretende seine Gedanken zum Ausdruck bringt, in der gerade herrschenden Pose: Das kann beim Balgen mit einem Sofakissen sein, mit einem Glas in der Hand, beim Rühren der Schlagsahne.
Erst, wenn der Gedanke zu Ende gedacht ist, …
… nimmt der Protagonist seine Stelle im ursprünglichen Szenario wieder ein. Was so kompliziert klingen mag, ist es auf der Bühne indes nicht: Dank einer geschickten Lichtführung und Farbwechsels und aufgrund der Leistung der vier Schauspieler ist für die Besucher schnell erkennbar, auf welcher Ebene sich die Handlung gerade befindet.
Auf der Bühne stehen dabei Timothy Peach, bekannt etwa aus „Sturm der Liebe“ oder „Rote Rosen“, als ein erfolgreicher Verlagslektor Daniel. Nicola Tiggeler kennt das Publikum aus „Hubert ohne Staller“ und „Um Himmels Willen“, hier steht sie als (übrigens auch im echten Leben Peachs) Ehefrau Isabelle und pointierte Geschichtsdozentin neben ihm. Martin Armknecht als ihr gemeinsamer Freund Patrick, der sich von Ehefrau Laurence für die etwa 25 Jahre jüngere Emma (gespielt von Felicitas Hadzik) getrennt hat, ist bekannt aus „WaPo Duisburg“ und „Für alle Fälle Familie.“ Hadzik hingegen reüssiert insbesondere auf verschiedenen Theaterbühnen.
Die Figur Laurence selbst …
… taucht in dem Stück, das im Januar 2016 im Pariser Théatre de Paris seine Uraufführung hatte und 2017 mit dem Globe Crystal in der Kategorie Bestes Stück nominiert wurde, nicht in persona auf. Wer allerdings immer wieder Partei für sie ergreift, ist ihre beste Freundin Isabelle, die der neuen Liebe des gemeinsamen Freundes zunächst mit Verachtung gegenübersteht. Spannend dabei: Der Subtext wird nicht nur durch die „a parte“ – also zur Seite – gesprochenen Gedanken deutlich, sondern auch in der ein oder anderen verbalen Spitze, die die vier ungleichen Gäste eines gemeinsamen Abendessens austeilen.
Da stichelt etwa Patrick gleich eingangs …
… gegen Gastgeber Daniel: „Du hast ein wenig zugelegt. Wolltest du nicht ins Fitnessstudio gehen? Du zahlst doch dafür!“, was Daniel trocken kontert mit: „Das Sofa hab ich auch bezahlt…“ Isabelle erweist sich als scharfzüngige und kritische Betrachterin der Gesellschaft, die urteilt: „Doch, man darf über Dumme Witze machen… sind schließlich nicht in der Minderheit!“ Patrick kann mit seinem Humor bei seiner neuen Flamme nur eingeschränkt punkten, wenn er der selbsternannten Feministin mitteilt: „Apropos Feminismus: Warum bringt man eine Frau nicht aus der Küche? – Wegen der Herdanziehungskraft…“
Emma kann darüber nicht lachen und kontert: „Wie nennt man nochmal Männer, die behaupten, Frauen gehören in die Küche? Ach ja: Single.“ Im verbalen Wettstreit miteinander treten die Disharmonien auch zwischen den Paaren gelegentlich bei nur wenigen Worten zutage. Daniels Stolz darauf, dass „Isabelle und ich (…) jetzt auch schon 23 Jahre verheiratet (sind) – und wir haben nie an Scheidung gedacht…“, kommentiert seine Frau: „…nur an Mord.“
Mit Humor nimmt das Publikum …
… auch die Selbstbetrachtung von Daniel zu Kenntnis, der das Publikum – und nur das – wissen lässt: „Ach, ich weiß nicht. Ich bin 55, fühle mich wie 75 und benehme mich wie 15. Ich bin ein wandelnder Mehrgenerationenhaushalt.“ Nicht viel besser geht es Patrick: „Mir tun aber auch alle Knochen weh. Wär ich doch nur zuhause geblieben. Ach, sie ist ja wirklich bezaubernd, aber ich glaube, ich bin zu alt für den Scheiß. Naja egal. Hauptsache ich seh gut aus.“
Während die Freundschaft der beiden Männer über die zwei Stunden hinweg immer mehr wieder angekratzt wird, entsteht zwischen den Frauen eine ganz andere Dynamik: Emma schafft es nach dem Motto: „Mach dir deinen Feind zum Freund“, die voreingenommene Isabelle für sich einzunehmen – inwieweit diese selbst dabei und beim Fortgang des Beziehungsgeflechts die Hände im Spiel hat, bleibt weitgehend der Fantasie der Gäste überlassen. Die am Ende nach einer Liebeserklärung von Daniel allerdings von Isabelle erfahren: „War doch gar nicht so schwer.“
Nach zwei Stunden Theater …
…mit einer Unterbrechung an der Theke der wunderBAR-Eventgastronomie und eventuell einem Brot „Gaumensex“ ist die Gästeschar begeistert. Beste Unterhaltung, zu der auch schwungvolle Tanzepisoden und humorvolle Einspielungen von „Alexa“ gehören, die der Aufforderung „was mit Sex“ zu spielen, mit der Werbung „Prostata-gut“ entspricht, liegt hinter ihnen. Minutenlanger Applaus dankt den vier Künstlern auf der Bühne, die anschließend die Nacht im „Hotel an der Therme“ verbringen. Wahrscheinlich in vier getrennten Zimmern, denn wie Peach und Tiggeler in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung mitteilten, nehmen sie „bei gemeinsamen Engagements immer getrennte Zimmer“. Vielleicht ein guter Tipp für eine lang anhaltende Beziehung…

